Single Blog
Hand in Hand Eingewöhnung

Eingewöhnung – ein sanfter Übergang

29.11.2018 | von Juliane Reinsch

Ein Interview mit Kinderpflegerin Jenny Gaugler, die mit mir über ihre Erfahrung als Eingewöhnungsexpertin spricht. In Ihrer Einrichtung wird nach dem Münchener Modell eingewöhnt, nach dem Prinzip: Eingewöhnung ist ein sanfter Übergang, an den Bedürfnissen des Kindes orientiert.

Weil das Thema Eingewöhnung nicht nur mich, sondern auch viele Eltern beschäftigt, freue ich mich sehr, dass ich ein Interview mit einer Eingewöhnungsexpertin führen durfte.

Jenny Gaugler ist 28 Jahre alt, seit 2009 staatlich geprüfte Kinderpflegerin und zertifiziert für die Arbeit mit Kindern unter 3 Jahren. Seit 2012 arbeitet sie in einer Katholischen Kinderkrippe.

Jenny ist selbst Mutter. Ihre Tochter Romi wurde 2016 geboren und besucht seit sie 1,5 Jahre alt ist, die Krippe in der Jenny arbeitet.

Jennys allerliebste Hobbies sind Nähen und Lesen.

Das Interview

Juliane:

Hallo Jenny! Ich freue mich, dass du einige Fragen rund um das Thema Eingewöhnung, aus deiner Sicht und Erfahrung, für meinen Blog beantwortest.

Das Münchener Modell

Juliane:

Durch meine Kinder habe ich die Eingewöhnung nach dem Berliner Modell kennen gelernt. In der Krippe, in der du arbeitest, gewöhnt ihr Kinder nach dem Münchener Modell ein. Bei euch verläuft die Eingewöhnung anders, als ich es erlebt habe. Beschreibst du kurz, wie die Eingewöhnung nach dem Münchener Modell bei euch verläuft?

Jenny:

Das Münchener Modell hat 3 Phasen, ich gebe gern eine Übersicht und Zusammenfassung:

Das Kennenlernen

Mutter und Kind erkunden gemeinsam unsere Einrichtung, alles was spannend erscheint wird ausprobiert, sie nehmen zusammen an Angeboten teil, gehen miteinander zur Brotzeit und die Mama übernimmt alle pflegerischen Aufgaben.

Die Erzieherin bleibt die ersten Tage zurückhaltend und beobachtend, bis das Kind erste Kontaktaufnahmen startet.

Durch gezieltes Beobachten lernt sie alle Eigenheiten,  Vorlieben kennen und wird das Kind dadurch nicht mit völlig fremden Handeln überfordern.

Sicherheit gewinnen und Vertrauen aufbauen

Mitte der zweiten Woche beobachten wir meistens, dass sich das Eingewöhnungskind zunehmend sicher in der Krippe bewegt.

Für uns der Zeitpunkt, wo wir das Kind immer mehr ins Spiel begleiten. Jetzt ist es die wichtigste Aufgabe der Mutter ein „sicherer Hafen“ für das Kind zu sein.

Sie bekommt einen gemütlichen Platz im Gruppenraum. Das Kind entscheidet wann und wie weit es sich von der Mama entfernt.

Kontakte zu den anderen Kindern entstehen, das Kind erfährt, dass wir die Kinder zuverlässig und liebevoll begleiten und lässt das auch immer mehr bei sich zu, bis es sich sogar von uns wickeln und füttern lässt.

Wiederholt sich dieses Begleiten und Versorgen zuverlässig, gewinnt das Kind Vertrauen, welches eine erste Trennung möglich macht.

Trennung

Beteiligt sich das Kind aktiv am Geschehen, lässt es Gefühle zu und kommt damit sogar zu uns, dürfen wir alle pflegerischen Aufgaben übernehmen kann eine erste Trennung stattfinden.

Natürlich immer in Rücksprache mit der Mama, die für diesen Schritt genau so bereit sein muss.

Wichtig ist uns, dass die Dauer der Eingewöhnung immer individuell und passend für Mama und Kind sein muss.

Juliane:

Wie alt sind die Kinder, wenn sie zu euch in die Einrichtung kommen?

Jenny:

Unsere Kinderkrippe betreut Kinder ab ihrem ersten Geburtstag. Sollte die Mutter unter Zeitnot stehen und die Eingewöhnung kann von keiner anderen Bindungsperson begleitet werden, starten wir mit der Eingewöhnung in Ausnahmefällen bereits wenige Wochen vor dem ersten Geburtstag.

Nicht nur Kinder brauchen Eingewöhnung

Juliane:

Wie sind deine Erfahrungen mit Kindern und Eltern bei der Eingewöhnung?

Jenny:

Ich erlebe die Eingewöhnungszeit als super spannend. Kaum eine Eingewöhnung verläuft nach Lehrbuch.

Ich bin ständig sensibel für alle Gefühle. Gefühle der Mutter, des Eingewöhnungskindes und die der restlichen Kinder, die bereits eingewöhnt sind.

Mit jedem neuen Kind verändert sich die Gruppe, die Anforderungen, eventuell sogar Abläufe.

Es entstehen neue Beziehungen, natürlich auch zwischen mir und jedem neuen Kind. Manche ganz zaghaft, andere erfordern mein ganzes Feingefühl und wieder andere bauen sich schnell und heftig auf.

Sympathie kann man nicht erzwingen. Umso spannender ist es herauszufinden, welche Art von Beziehungsaufbau bei der aktuellen Eingewöhnung stattfinden wird.

Eine ganz besondere Erfahrung habe ich machen dürfen, als ich meine eigene, damals 16 Monate alte Tochter in unserer Einrichtung eingewöhnt habe.

Unsere Eingewöhnung dauerte vier Wochen. Ich war nun in der Rolle, die normalerweise immer die anderen Mütter während der Eingewöhnung haben, hatte die selben Ängste, wie alle Mütter sie wohl haben.

Ich wusste natürlich, wie liebevoll sie von meinen Kollegen aufgenommen werden würde, aber meine Romi wusste das nicht.

Sie brauchte wie alle anderen Kinder genug Zeit, um Sicherheit in dieser völlig fremden Umgebung, zwischen diesen vielen Kindern, den neuen Strukturen, Abläufen und Anforderungen finden zu können.

Und plötzlich war mir noch bewusster, dass nicht nur die Kinder eingewöhnt werden müssen, sondern dass Eltern die Eingewöhnung als eine genau so herausfordernde Zeit erleben und dass bei ihnen dasselbe Feingefühl erforderlich ist.

Eingewöhnung – Feinfühliger Beziehungsaufbau zum Kind

Juliane:

Welche Grenzen haben Eingewöhnungsmodelle aus deiner Sicht?

Jenny:

Ein Eingewöhnungsmodell kann noch so gut durchdacht und erprobt sein, wenn man allerdings individuelle Bedürfnisse, Vorerfahrungen oder Ängste ignoriert, stößt jedes Eingewöhnungsmodell an seine Grenzen.

Gibt es zu wenige Fachkräfte, kann das eine Eingewöhnung erschweren.

Eine wichtige Aufgabe während der Eingewöhnung ist der ständige Austausch zwischen mir, als Fachkraft und der Mutter.

Dazu kommen der feinfühlige Beziehungsaufbau zum Kind und das neben der ständigen Betreuung der restlichen Kinder, deren Bedürfnisse zu keiner Zeit unwichtig werden dürfen.

Nur wenn man alledem zuverlässig gerecht werden kann, ist es Mutter und Kind möglich nötiges Vertrauen aufzubauen.

Ein weiteres Hindernis für eine erfolgreiche Eingewöhnung ist Zeitdruck, der es uns unmöglich machen würde sanft auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen zu können. Und natürlich auch fehlendes Vertrauen in unsere Einrichtung, in unser Konzept oder in uns als Fachkräfte.

Die Rolle der Eltern

Juliane:

Was sollten Eltern aus deiner Sicht vor der Eingewöhnung wissen?

Jenny:

Eltern sollten sich über die Wichtigkeit ihrer Rolle während der Eingewöhnung bewusst sein.

Sie sind Vorbilder für ihre Kinder. Diese beobachten ihre Eltern ständig und sind sehr sensibel für alle Gefühle die während dieser Zeit von der Mutter ausgehen. Wichtig sind also ständiger Blickkontakt, ein freundliches Zunicken wenn das Kind auf andere Kinder zugehen will und die innere Überzeugung „Es wird dir hier gut gehen“.

Häufig denken Eltern auch, sie müssten ihre Kinder schon zu Hause auf die kommende Krippenzeit vorbereiten, es beispielsweise zu den dort festgelegten Zeiten zum Schlafen legen oder sogar rechtzeitig abstillen.

Die Eingewöhnung ist jedoch ein sanfter Übergang, bei dem das Kind genug Zeit bekommt, sich langsam an die neuen Abläufe zu gewöhnen. Um diesen Übergang erfolgreich meistern zu können, ist es wichtig, dass das Kind zu Hause die gewohnte Sicherheit erfährt.

Juliane:

Kann jedes Kind eingewöhnt werden?

Jenny:

Ich habe noch keine Kinder eingewöhnt, die Schlimmes erlebt haben; Geflüchtete, die Furchtbares hinter sich haben; Kinder die zu Hause Gewalt erfahren und so weiter. Ob auch solche Kinder eingewöhnt werden können, weiß ich einfach nicht, meine Erfahrungen reichen nicht aus, um diese Frage beantworten zu können.

Weinen beim Abgeben?

Juliane:

Ist es deiner Erfahrung nach normal bzw. gehört es dazu, dass Kinder beim Abgeben weinen?

Jenny:

Weint ein Kind bei der Verabschiedung kann das verschiedenste Gründe haben: Der Morgen zu Hause war stressig; vielleicht gab es Streit; das Kind ist nicht ausgeschlafen; die Mutter muss zur Arbeit und es bleibt keine Zeit für ein sanftes Ankommen in der Krippe; die liebste Spielkameradin ist krank und viele mehr.

Ist das Kind erfolgreich eingewöhnt, lässt es sich von uns durch diese Gefühle begleiten und trösten. Weint ein Kind allerdings wiederholt, lässt es sich kaum beruhigen, darf man das keinesfalls als normal abtun. Kein Kind muss da durch und ein „Sie müssen jetzt hart bleiben, sonst lernt es, dass es mit dem Schreien durchkommt“ wäre selbstverständlich der völlig falsche Ansatz.

Dauer der Eingewöhnung

Juliane:

Wie lange dauert eine Eingewöhnung deiner Erfahrung nach?

Jenny:

In der Regel findet die erste Trennung in der dritten Woche statt.

Die Phase des Vertrauensaufbaus verlängern wir gerne um wenige Tage und sollte das auch im Interesse der Mutter liegen, rutscht die erste Trennung dann auch manchmal in die vierte Woche.

Häufig werden Kinder besonders während der Eingewöhnungszeit krank. Krankheitszeiten verlängern die Eingewöhnung natürlich. Allerdings muss danach nicht wieder neu gestartet werden.

Eltern, seid mutig!

Juliane:

Liebe Jenny, ich bedanke mich ganz herzlich für deine Offenheit und ein wirklich interessantes Interview! Was möchtest du Eltern abschließend mit auf den Weg geben?

Jenny:

Wenn ihr das Gefühl habt, eure Eingewöhnung verläuft viel zu schnell, euer Kind ist noch nicht bereit für eine Trennung, dann seid mutig und äußert eure Bedenken.

Es ist euer Kind, ihr kennt es am besten. Ihr müsst Erziehern zu liebe nicht „hart bleiben“. Jedes Kind sollte die Zeit bekommen die es braucht, um Vertrauen aufzubauen. Das eine mehr, ein anderes weniger.

Denn Kinder die eine Eingewöhnung erfahren durften, die für sie passend und auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten war, werden sorglos und neugierig sein und so ganz sicher von der Krippenzeit profitieren.

 

Welche Erfahrung hast du in der Eingewöhnungszeit deines Kindes gemacht? Was wünscht du dir für die Eingewöhnungszeit?

Ich bin gespannt auf deinen Kommentar!

Kommentare

Es sind keine Kommentare vorhanden

Ich freue mich über einen Kommentar

Bitte Kommentar eingeben.

Bitte Namen eingeben.

Bitte stimme meinen Datenschutzbestimmungen zu.

Newsletter abonnieren

Abonniere meinen Newsletter, um regelmäßig Anregungen und Informationen von mir zu erhalten.