Welche Bedeutung meine Glaubenssätze für mich haben, ist mir erst richtig bewusst geworden, als wir unsere Kinder bekamen. Ich hatte sehr klare Vorstellungen davon, was eine gute Mutter ausmacht. Mir war klar, wie ich sein möchte, damit ich eine gute Mutter für meine Kinder bin.

Bin ich eine gute Mutter?

Kurz nach der Geburt meines Ältesten hat mich Folgendes sehr beschäftigt: ich wollte ihn nicht weinen lassen. Wenn er ein Bedürfnis hatte, wollte ich es erfüllen. Sei es Hunger, das Bedürfnis nach Nähe oder Unwohlsein, weil der Bauch drückt.

Worauf ich allerdings nicht vorbereitet war, waren seine abendlichen Schreistunden. Er weinte nicht, er schrie. Und schrie. Ganz herzzerreißend. Mein Mann und ich konnten einfach nicht heraus finden woran es lag und was ihm helfen konnte. Wir trugen ihn abwechselnd herum, Nuckel oder Brust lehnte er ab. Unser Sohn schien sogar empört zu sein, wenn wir ihm eines von beidem anboten. Wir schaukelten ihn auf dem Arm, legten ihn in sein Körbchen, sangen für ihn. Alles schien nicht zu helfen, sondern eher das Gegenteil zu bewirken. Unser Sohn ließ sich nicht beruhigen, er schrie immer mehr.

Irgendwann akzeptierte ich sein Schreien einfach. Ich setzte mich mit ihm auf dem Arm in einen Sessel und hielt ihn. Solange bis er sich beruhigteund erschöpft einschlief. Mir wurde klar, dass er das Schreien brauchte. So baute er die Anspannung ab, die im Laufe des Tages durch die vielen Eindrücke und Erfahrungen die er machte, entstand. Unsere Beruhigungsversuche waren völlig fehl am Platz. Er brauchte das Schreien und er brauchte es, dass wir sein Schreien akzeptierten.

Ich lernte: ein Kind schreit manchmal. Oder es weint. Um seine Anspannung abzubauen. Um Gefühle auszudrücken. Es weint aus Trauer oder aus Wut. Ich bin eine gute Mutter, auch wenn ich die Tränen meines Kindes nicht sofort trocknen kann. Es ist völlig normal, dass ein Kind weint oder schreit und es genügt, es mit seinen Gefühlen nicht allein zu lassen.

Was sind Glaubenssätze?

Im Laufe unseres Lebens haben wir Erfahrungen gesammelt. Besonders prägend sind unsere Erfahrungen in unserer Kindheit. Wofür wurden wir gelobt? Wofür haben wir Anerkennung bekommen? Was war erlaubt und was nicht? Was wurde positiv bewertet und was negativ?

Bestimmte Verhaltensweisen wurden mit Anerkennung belohnt andere Verhaltensweisen waren uns nicht erlaubt. Ich bekam besondere Anerkennung dafür, dass ich im Haushalt geholfen habe. Für mich war das sehr positiv. Ich habe gelernt, wenn ich etwas beitrage, bekomme ich Anerkennung. Anerkannt zu sein, ist ein wichtiges Grundbedürfnis aller Menschen. Also habe ich verinnerlicht, um anerkannt zu sein, muss man etwas beitragen. Das ist ein Glaubenssatz.

„Man“ soll…, „Man“ darf nicht…, „Man“ muss…

„Man“-Sätze begegnen uns oft im Alltag. Man darf nicht lügen. Man muss sich entschuldigen. Man stützt die Ellenbogen nicht auf den Tisch. Man kaut mit geschlossenem Mund.

Hinter diesen Aussagen stecken Glaubenssätze. Wir haben sie verallgemeinert und wenden sie auf alle Menschen an.

Im Zusammenleben mit meinen Kindern sind mir schon viele Glaubenssätze bewusst geworden. Ich fing an zu hinterfragen. Darf Wurst oder Käse wirklich nur auf dem Brot gegessen werden? Warum ist das so? Ist es notwendig, dass ich meinen Kindern das beibringe? Gibt es Alternativen?

Kinder müssen abends zeitig ins Bett. Sie sollen morgens ausgeschlafen sein. Was aber, wenn mein Kind erst um 22 Uhr einschläft. Muss es dann trotzdem um 19 Uhr im Bett liegen? Wird es dann lernen früher einzuschlafen? Was tut meinem Kind gut? Was tut mir gut?

Es macht Sinn, in solchen Fällen zu reflektieren. Es gibt diesen ominösen „man“ nicht. Wir Menschen sind alle einzigartig. Mein Sohn ist eine „Eule“. Er schläft frühestens 21:30 Uhr ein, an einem normalen Schultag. Vorher wälzt er sich im Bett umher. Er steht immer wieder auf. Es nützt nichts, wenn ich ein ruhiges Abendritual pflege. Es hilft nichts, wenn ich bei ihm bleibe oder wenn ich schimpfe. Schlafen kann nicht erzwungen werden. Also haben wir in der Familie unseren Umgang damit gefunden.

Das war möglich, nachdem wir akzeptiert haben, dass unser Kind nicht unbedingt um 19 Uhr schlafend in seinem Bett liegen muss. Er genießt die gemeinsame Zeit mit uns. Manchmal lesen wir oder er erzählt was in seinem Kopf herum geht. Ehrlich gesagt ist dafür tagsüber kaum Ruhe. So nutzen wir den Abend dafür.

Mein Mann und ich möchten natürlich auch Zeit für unsere Zweisamkeit haben. Die haben wir als Eltern deutlich weniger als in der Zeit vor unseren Kindern. Was aber auch nicht wirklich überraschend ist. Gemeinsame Zeit muss nicht unbedingt abends sein und wir organisieren sie uns. Zum Glück gibt es ja auch noch Oma und Opa und Babysitter. Und unsere Kinder werden älter, immer häufiger sind beide mit Freunden verabredet und plötzlich ist der Nachmittag kinderfrei.

Achtsam mit Bedürfnissen umgehen

Das bedeutet Achtsamkeit für mich. Die Bedürfnisse meines Kindes wahr zu nehmen, meine Bedürfnisse ernst zu nehmen und entsprechend darauf reagieren. Diese Flexibilität in meinem Verhalten ermögliche ich mir, indem ich in mich hinein spüre: Was brauche ich gerade? Oder nachfrage: Was brauchst du? Du bist unzufrieden, was würde dir gut tun? Je älter Kinder werden, desto leichter fällt es ihnen Antworten auf solche Fragen zu finden. Wir können sie von klein auf dabei unterstützen, mit sich selbst achtsam umzugehen.

Manchmal zwickt mich immer noch mein alter Glaubenssatz im Nacken: Du bist nur eine gute Mutter wenn… Ich habe einen neuen Glaubenssatz entwickelt, der mir in solchen Situationen gut tut: Wenn es meinem Kind gut geht und wenn es mir gut geht, dann ist das was ich tue gut.

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