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Bin ich eine gute Mutter?

20.11.2017 | von Juliane Reinsch

Erst als Mutter wurde mir klar, was ich für ein Gepäck an Glaubenssätzen mit mir herum trage. Glaubenssätze entstehen in unserer Kindheit. Unbemerkt tragen wir sie in uns. Wenn wir merken, dass etwas nicht mehr stimmig ist, lohnt es sich achtsam zu sein.

Welche Bedeutung meine Glaubenssätze für mich haben, ist mir erst richtig bewusst geworden, als wir unsere Kinder bekamen. Ich hatte sehr klare Vorstellungen davon, was eine gute Mutter ausmacht. Mir war klar, wie ich sein möchte, damit ich eine gute Mutter für meine Kinder bin.

Bin ich eine gute Mutter?

Kurz nach der Geburt meines Ältesten hat mich Folgendes sehr beschäftigt: ich wollte ihn nicht weinen lassen. Wenn er ein Bedürfnis hatte, wollte ich es erfüllen. Sei es Hunger, das Bedürfnis nach Nähe oder Unwohlsein, weil der Bauch drückt.

Worauf ich allerdings nicht vorbereitet war, waren seine abendlichen Schreistunden. Er weinte nicht, er schrie. Und schrie. Ganz herzzerreißend. Mein Mann und ich konnten einfach nicht heraus finden woran es lag und was ihm helfen konnte. Wir trugen ihn abwechselnd herum, Nuckel oder Brust lehnte er ab. Unser Sohn schien sogar empört zu sein, wenn wir ihm eines von beidem anboten. Wir schaukelten ihn auf dem Arm, legten ihn in sein Körbchen, sangen für ihn. Alles schien nicht zu helfen, sondern eher das Gegenteil zu bewirken. Unser Sohn ließ sich nicht beruhigen, er schrie immer mehr.

Irgendwann akzeptierte ich sein Schreien einfach. Ich setzte mich mit ihm auf dem Arm in einen Sessel und hielt ihn. Solange bis er sich beruhigteund erschöpft einschlief. Mir wurde klar, dass er das Schreien brauchte. So baute er die Anspannung ab, die im Laufe des Tages durch die vielen Eindrücke und Erfahrungen die er machte, entstand. Unsere Beruhigungsversuche waren völlig fehl am Platz. Er brauchte das Schreien und er brauchte es, dass wir sein Schreien akzeptierten.

Ich lernte: ein Kind schreit manchmal. Oder es weint. Um seine Anspannung abzubauen. Um Gefühle auszudrücken. Es weint aus Trauer oder aus Wut. Ich bin eine gute Mutter, auch wenn ich die Tränen meines Kindes nicht sofort trocknen kann. Es ist völlig normal, dass ein Kind weint oder schreit und es genügt, es mit seinen Gefühlen nicht allein zu lassen.

Was sind Glaubenssätze?

Im Laufe unseres Lebens haben wir Erfahrungen gesammelt. Besonders prägend sind unsere Erfahrungen in unserer Kindheit. Wofür wurden wir gelobt? Wofür haben wir Anerkennung bekommen? Was war erlaubt und was nicht? Was wurde positiv bewertet und was negativ?

Bestimmte Verhaltensweisen wurden mit Anerkennung belohnt andere Verhaltensweisen waren uns nicht erlaubt. Ich bekam besondere Anerkennung dafür, dass ich im Haushalt geholfen habe. Für mich war das sehr positiv. Ich habe gelernt, wenn ich etwas beitrage, bekomme ich Anerkennung. Anerkannt zu sein, ist ein wichtiges Grundbedürfnis aller Menschen. Also habe ich verinnerlicht, um anerkannt zu sein, muss man etwas beitragen. Das ist ein Glaubenssatz.

„Man“ soll…, „Man“ darf nicht…, „Man“ muss…

„Man“-Sätze begegnen uns oft im Alltag. Man darf nicht lügen. Man muss sich entschuldigen. Man stützt die Ellenbogen nicht auf den Tisch. Man kaut mit geschlossenem Mund.

Hinter diesen Aussagen stecken Glaubenssätze. Wir haben sie verallgemeinert und wenden sie auf alle Menschen an.

Im Zusammenleben mit meinen Kindern sind mir schon viele Glaubenssätze bewusst geworden. Ich fing an zu hinterfragen. Darf Wurst oder Käse wirklich nur auf dem Brot gegessen werden? Warum ist das so? Ist es notwendig, dass ich meinen Kindern das beibringe? Gibt es Alternativen?

Kinder müssen abends zeitig ins Bett. Sie sollen morgens ausgeschlafen sein. Was aber, wenn mein Kind erst um 22 Uhr einschläft. Muss es dann trotzdem um 19 Uhr im Bett liegen? Wird es dann lernen früher einzuschlafen? Was tut meinem Kind gut? Was tut mir gut?

Es macht Sinn, in solchen Fällen zu reflektieren. Es gibt diesen ominösen „man“ nicht. Wir Menschen sind alle einzigartig. Mein Sohn ist eine „Eule“. Er schläft frühestens 21:30 Uhr ein, an einem normalen Schultag. Vorher wälzt er sich im Bett umher. Er steht immer wieder auf. Es nützt nichts, wenn ich ein ruhiges Abendritual pflege. Es hilft nichts, wenn ich bei ihm bleibe oder wenn ich schimpfe. Schlafen kann nicht erzwungen werden. Also haben wir in der Familie unseren Umgang damit gefunden.

Das war möglich, nachdem wir akzeptiert haben, dass unser Kind nicht unbedingt um 19 Uhr schlafend in seinem Bett liegen muss. Er genießt die gemeinsame Zeit mit uns. Manchmal lesen wir oder er erzählt was in seinem Kopf herum geht. Ehrlich gesagt ist dafür tagsüber kaum Ruhe. So nutzen wir den Abend dafür.

Mein Mann und ich möchten natürlich auch Zeit für unsere Zweisamkeit haben. Die haben wir als Eltern deutlich weniger als in der Zeit vor unseren Kindern. Was aber auch nicht wirklich überraschend ist. Gemeinsame Zeit muss nicht unbedingt abends sein und wir organisieren sie uns. Zum Glück gibt es ja auch noch Oma und Opa und Babysitter. Und unsere Kinder werden älter, immer häufiger sind beide mit Freunden verabredet und plötzlich ist der Nachmittag kinderfrei.

Achtsam mit Bedürfnissen umgehen

Das bedeutet Achtsamkeit für mich. Die Bedürfnisse meines Kindes wahr zu nehmen, meine Bedürfnisse ernst zu nehmen und entsprechend darauf reagieren. Diese Flexibilität in meinem Verhalten ermögliche ich mir, indem ich in mich hinein spüre: Was brauche ich gerade? Oder nachfrage: Was brauchst du? Du bist unzufrieden, was würde dir gut tun? Je älter Kinder werden, desto leichter fällt es ihnen Antworten auf solche Fragen zu finden. Wir können sie von klein auf dabei unterstützen, mit sich selbst achtsam umzugehen.

Manchmal zwickt mich immer noch mein alter Glaubenssatz im Nacken: Du bist nur eine gute Mutter wenn… Ich habe einen neuen Glaubenssatz entwickelt, der mir in solchen Situationen gut tut: Wenn es meinem Kind gut geht und wenn es mir gut geht, dann ist das was ich tue gut.

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Kommentare
  • Sehr schön geschrieben und wirklich treffend. Kann deine Erfahrungen nur bestätigen!

    • Danke, liebe Ines! Ich denke, dass viele Eltern diese Erfahrung machen. Ich wünschte, ich hätte schon früher von der „Schreistunde“ gehört. Das hätte uns und unserem Sohn einiges erleichtert 🙂

  • Liebe Juliane, da kann ich mich noch lebhaft dran erinnern. War bei Lars im ersten Jahr auch so: Zwei Stunden am späten Nachmittag hat er einfach geweint/geschrien. Ich hab ihn dann auch einfach getragen und gehalten. Das hat irre viel Kraft gekostet. Seine Schwester hatte das nie-so verschieden sind auch die Kinder..
    Schöner Artikel, Kompliment!
    Viele Grüße
    Yvonne

    • Liebe Yvonne, ja, so verschieden sind die Kinder. Bei unserer Tochter hatten wir diese Schreiphase nicht. Danke für dein Kompliment! Liebe Grüße Juliane

  • Liebe Juliane, wer sich soviel Gedanken macht, ist sicher eine gute Mutter. Das erst einmal vorweg.

    Der Blog spricht bestimmt viele Mütter in ähnlichen Situationen an. Jetzt wissen sie, dass du eine gute Ansprechpartnerin bist.

    Ich finde es richtig, dass Mütter in der heutigen Zeit, andere Lösungen im Umgang mit ihren Kindern und Familien suchen und finden. Auch, wenn wir als Eltern/Großeltern mitunter andere Gedanken haben.
    LG

    • Danke dir! Vor allem dafür, dass du als Mutter immer hinter mir stehst!

  • Es ist so schade, wenn sich das eigene Bauchgefühl und lang gepflegte Glaubenssätze in die Quere kommen. Ich finde es toll, wie du deinen Weg beschreibst, damit umzugehen. Danke!

    • Liebe Julia, vielen Dank für deinen Kommentar! Glaubenssätze zu haben ist ja völlig normal. Ich möchte behaupten, jeder hat seine eigenen. Und wunderbar, wenn wir bemerken, dass sie für uns nicht mehr gültig sind und es auch nicht mehr sein müssen.

  • Ja das ist richtig man lernt immer dazu, diese Information hätte es früher geben müssen dann hätte man es anders gemacht aber jetzt habe ich süße Engel da kann man es umsetzen.

    • So ist es liebe Marlis 🙂

  • Liebe Juliane,
    Danke für den schönen Text. Ich habe mich völlig wiedergefunden. Viele Fragen, die mir auch immer wieder im Kopf rumgeistern, hast Du auf den Punkt gebracht und mich auch noch mal zum Nachdenken angeregt.

    • Liebe Susi, das freut mich sehr! Liebe Grüße Juliane

  • Ja, diese tückischen „Man“-Sätze… Wie oft habe ich mich schon mit ihnen abgeplagt und wie froh war ich, wenn ich wieder mal einen dieser Glaubensätze aufdecken konnte. Danke, dass Du Deine Erfahrungen hier teilst und andere Möglichkeiten zum Umgang mit ihnen aufzeigst.

    • Liebe Michaela, so geht es mir auch – es ist wirklich eine Erleichterung, störende Glaubenssätze aufzudecken und zu ändern.Liebe Grüße Juliane

  • Liebe Juliane,du hast den Artikel sehr schön geschrieben. Er ist sehr authentisch, ansprechend und regt zum Weiterlesen an. Ich konnte mich oft darin wiederfinden,so nach dem Motto “ ja stimmt“.

    • Vielen Dank, liebe Angela!

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